Überempfindlichkeit des Hörens
von Jonathan Hazell, F.R.C.S., Head of RNID Medical Research Unit, London, UK
Überarbeitet am 30. November 1996
Beständige und laute Geräusche empfinden die meisten Menschen als Belästigung. Manche Menschen haben aber ein besonders empfindliches Gehör und können selbst normal laute Geräusche nicht ertragen. Das betrifft sowohl Personen mit ansonsten normalem Gehör als auch solche mit einer Hörminderung. Drei Gründe können zu dieser Hörempfindlichkeit beitragen: Hyperakusis, Phonophobie und Recruitment, die im folgenden einzeln besprochen werden.
Der Hörtest
Das Standard Reinton-Audiogramm erfaßt den leisesten von Ihnen hörbaren Ton, der Ihnen über Kopfhörer von einem sorgfältig kalibrierten Gerät (Audiometer) angeboten wird. Wenn Sie einen Ton hören, müssen Sie lediglich einen Knopf drücken. Der leiseste erkannte Ton kennzeichnet Ihre Hörschwelle. Ein gleichermaßen wichtiger, wenn auch nicht so häufig angewandter Test mißt die Obergrenzen der Lautheitstoleranz. Dabei müssen Sie angeben, wann der Ton für das Ohr unangenehm wird, noch bevor er schmerzhaft laut wird. Bei Patienten, die laute Töne fürchten, muß dieser Test sehr vorsichtig und mit klaren vorherigen Anweisungen erfolgen. Schäden für das Ohr sind durch die Töne des Audiometers, selbst bei empfindlichen Personen, nicht zu erwarten.
Bei der Behandlung von Hyperakusis ist es sehr wichtig, gute Kenntnis über den Grad der Lautheitstoleranz zu besitzen, das gilt auch bei der Anpassung von Hörhilfen bei allen Patienten, ob sie Hyperakusis haben oder nicht.
Die Mechanismen der Hyperakusis, des Recruitments und der Phonophobie
Hyperakusis entsteht durch eine Änderung der zentralen Verarbeitung von Hörinformationen. Dabei kann das Innenohr völlig intakt sein, selbst wenn viele Patienten fälschlich annehmen, es sei unabänderlich geschädigt.
Die traditionelle Lehre diskutiert hierbei lediglich das 'Recruitment' als Folge eines Innenohrschadens. Seit aber nahezu allen Menschen mit Hyperakusis durch Verhaltens- und Geräuschtherapie geholfen werden kann, ist uns klar geworden, daß diese Symptome nicht von einer Ohrschädigung stammen.
Einige Menschen mit Hyperakusis haben auch Phonophobie. Das bedeutet, daß sie sich buchstäblich davor fürchten, einem bestimmten Geräusch ausgesetzt zu sein, dies mitunter in dem Glauben, es könne dem Gehör Schaden zufügen. Oftmals betrifft dies ganz normale Umweltgeräusche, wie vom Verkehr, aus der Küche, Türknallen oder sogar laute Stimmen, die aber unter keinen Umständen schaden können. Bei Phonophobie erzeugen bestimmte komplexe Geräusche ein Unbehagen, bedingt durch die ihnen zugemessene Bedeutung und Zuordnung, hingegen können andere Geräusche (wie Musik), die man mag, selbst bei weit höheren Lautstärken toleriert werden. Wenn eine Widersprüchlichkeit in diesem Ausmaß vorliegt oder unterschiedliche Geräusche Unbehagen erzeugen, könnte es sein, daß ein gewisser Grad von Phonophobie vorliegt.
Phonophobie kann zu Hyperakusis (durch Veränderungen in der zentralen Hörverarbeitung) und nachfolgender, beharrlicher anormaler Lautheitswahrnehmung führen.
Ein weit verbreitetes und völlig harmloses Beispiel von Phonophobie kann man an Vätern von Teenagern beobachten, wenn von ihnen 'moderne' Musik gespielt wird (selbst in der Ferne) und wenn die Musik in öffentlichen Verkehrsmitteln aus ihren Kopfhörern herausquillt.
Es gibt einige Geräusche, die allgemein als unangenehm eingestuft werden, dazu gehört das Quietschen der Kreide auf einer Tafel, obgleich der dabei erzeugte Dezibelwert nur sehr gering ist. Dies fällt unter 'kulturelle' oder Arten-Phonophobie!
Recruitment
Ein normales Ohr kann nicht nur besonders leise Geräusche zwischen 0 und 20 dB HL (Hörschwelle) hören, es kann auch sehr laute Geräusche bis zu einem Wert von 115 dB HL ohne Unbehagen ertragen. Bei einer Hörminderung kann die Unfähigkeit, leise Geräusche zu hören, mit einer paradoxen Intoleranz gegenüber lauten Geräuschen infolge von Recruitment gekoppelt sein. Ein Ohr mit Recruitment kann durchaus unfähig sein, Geräusche unter 50 dB, besonders im hohen Frequenzbereich, zu hören, empfindet aber alle Geräusche über 80 dB nicht nur als unbehaglich sondern auch zu Verzerrungen neigend.
Recruitment stellt sich infolge einer Reduzierung neuraler Elemente im Innenohr (gewöhnlich der Haarzellen) ein, wodurch eine kleine Intensitätsänderung des Stimulus eine sehr große Änderung der Reaktion des Ohres hervorruft; es werden mehr Nervenfasern für einen entsprechenden Geräuschstimulus rekrutiert - oder zugeschaltet.
Dieses Problem kann man sich besser vorstellen, wenn man das Ohr als ein Musikinstrument betrachtet, das Töne für das Hirn erzeugt, die dort im Hörsystem empfangen werden. Die meisten Musikinstrumente haben etwas, was die Musiker einen dynamischen Bereich nennen. Sie sind in der Lage, sehr leise (pianissimo) oder sehr laut (fortissimo) zu spielen. Ein normales Ohr ist nicht nur durch gutes Gehör gekennzeichnet, sondern auch durch einen vollen dynamischen Bereich für die unterschiedlichen Intensitäten. Ein Ohr mit Recruitment hingegen hat einen eingeschränkten dynamischen Bereich. Wenn Geräusche überhaupt gehört werden, dann, musikalisch ausgedrückt, "fortissimo".
Immerhin haben viele Menschen mit Hörüberempfindlichkeit und Hörminderung, vielleicht sogar die Mehrheit, eher Hyperakusis als Recruitment, mitunter auch einen gewissen Grad von beidem. Selbst wenn Recruitment vorliegt, ist es möglich, das Gehirn (die zentrale Hörverarbeitung) zu trainieren, die Einschätzung der Lautheit zu verändern und sich auf den engeren dynamischen Bereich des beeinträchtigten Gehörs und des rekrutierenden Innenohrs einzustellen. Wenn das Gehör normal oder nahezu normal ist, ist Überempfindlichkeit immer eine Folge von Hyperakusis (mit oder ohne Phonophobie) und niemals eine Folge von Recruitment.
Dieses Konzept vertritt die fundamentale Änderung der traditionellen Ansichten, wie sie von vielen Gesundheitsexperten noch vertreten werden.
Der Mechanismus der Hyperakusis
Das Gehirn spielt eine große Rolle bei der Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen. Wenn Geräusche das Innenohr erreichen, werden sie in ihre individuellen Frequenzkomponenten aufgeteilt. Die 10.000 Fasern des Hörnervs transportieren die Informationen dieser individuellen Frequenzen jedes komplexen Geräusches, das wir hören, und nur 50 Millisekunden später erreichen sie den Subcortex des Hörbereichs im Gehirn (im Schläfenlappen), wo die bewußte Wahrnehmung von Geräuschen stattfindet. Bis die Botschaft das Bewußtsein erreicht, ist kein Ton zu hören. Während des Durchlaufs dieses codierten Signals wird es einer vielfältigen Bearbeitung unterzogen, ähnlich wie in einem Computer, doch viel komplexer. Das zentrale Hörsystem ist vor allem dafür zuständig, wichtige Nachrichten von unwichtigen Hintergrundgeräuschen zu trennen. Mitunter ist das Signal von relativ schwacher Intensität aber von großer Bedeutung. Beispielhaft dafür ist, wie ein Tier in einer gefahrvollen Umwelt ein winziges Geräusch eines Angreifers wahrnimmt. Ein anderes Beispiel zeigt die Fähigkeit, den Klang des eigenen Namens in einem überfüllten Raum wahrzunehmen, während andere Namen, selbst wenn laut ausgesprochen, unbemerkt bleiben.
In dem unterbewußten Teil des Gehirns wird ein wichtiges Signal aufgrund vorher erlernter Erfahrungen erkannt. Dieses Signal kann dann verstärkt und der Durchlauf durch die Nervenbahnen ermöglicht werden. Diese Nervenbahnen sind keine trägen elektrischen Leitungen sondern komplexe neuronale Netze, die ihre Arbeit durch Verändern der elektrischen Widerstände zwischen den Nervenzellen der Bahn verrichten. Vergleichbar mit den Schaltvorgängen in der Telefonvermittlung, um eine Verbindung von einer Person zur anderen herzustellen. Wenn das verstärkte Signal den Subcortex erreicht, wo die bewußte Wahrnehmung stattfindet, muß das elektrische Muster, das für viele unterschiedliche Frequenzen (Tonlagen oder Musiknoten) stehen kann, mit einem anderen, das in unserem Hörspeicher vorhanden ist, verglichen werden. Diese Übereinstimmung von Mustern könnte sehr schwach ausfallen und eine schwache Wahrnehmung des Geräusches auslösen. Jedoch eine starke Übereinstimmung verursacht eine laute und eindringliche Geräuschwahrnehmung. Die Stärke der Musterübereinstimmungen und die daraus folgenden Geräuschwahrnehmungen werden vom Limbischen System (dem Zentrum der Emotionen und des Lernens) bestimmt. Der ursprüngliche Zweck dieser Fähigkeit, geringe Signale zu verstärken und andere zu unterdrücken, diente dem leichteren Erkennen potentieller Gefahren aus der Umwelt.
Die Bedeutung der Lautheit
Unter normalen Umständen hören wir stärkere Geräusche scheinbar lauter als schwächere, doch wie wir Lautheit wahrnehmen, wird nicht einfach durch die Stärke oder Intensität eines Geräusches, wie es am Ohr ankommt, bestimmt. Einige Geräusche erscheinen laut, aufdringlich und unangenehm entsprechend ihrer Bedeutung oder Bezugnahme. Das stimmt wohl ganz allgemein für das Geräusch, das Kreide auf einer Tafel verursacht, oder für den Alarmton einer Einbruchsanlage. Meistens stellen gedankliche Bezüge bedrohliche Qualitäten her: Wird das Geräusch dem Ohr schaden? Wird es den Schlaf stören? Wird es die Lebensqualität mindern, indem es die Zeiten ruhiger Entspannung mindert? Wird es die Konzentration stören?
Sehr oft beginnt die Überempfindlichkeit gegenüber
Geräuschen mit einer irrationalen Furcht, die dennoch zu einer sehr fest verankerten
Meinung wird. Das ist gewöhnlich die Quelle für Streß bei den Personen, die glauben,
daß ihr Leben durch Umweltlärm nahegelegener Fabriken, Generatoren oder durch
niederfrequente Geräusche, die durch den Erdboden übertragen werden (was andere Menschen
wiederum nicht wahrnehmen), zerstört wird.
Weil der zentrale Hörverarbeitungsmechanismus so mächtig ist, ist es möglich, ihn durch
beständiges Hinhören und Beachten von geringen Geräuschen zu "trainieren".
Diese schwachen Geräusche werden dann in sehr laute, aufdringliche und unangenehme
Wahrnehmungen verwandelt, die beständig hörbar sind, ob wir es wollen oder nicht.
Das Limbische System und die emotionalen Reaktionen
Änderungen des emotionalen Zustandes, besonders Stimmungsschwankungen oder Ängste, können den allgemeinen Erregungszustand erhöhen und uns dadurch stärker befähigen, mögliche Bedrohungen aus unserer Umwelt leichter zu entdecken.
Diese emotionalen Änderungen können die offenbare Lautheit und die Erregung durch Geräusche, auf die wir bereits überempfindlich reagieren, noch erhöhen.
Bei einigen Menschen mündet das in eine totale Hypersensibilität, bei der durch alle Stimuli, ob durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Berühren und durch Schmerzen, die Intensität ihrer Wahrnehmung hochgradig verstärkt sind.
Der Vorgang einer sich entwickelnden erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen schließt immer das Limbische System mit ein. Wenn bereits Phonophobie besteht, ist es nicht schwer, den unvermeidbaren Bezug zu Furcht, Zorn oder Erregung beim Erscheinen eines Geräusches zu erkennen. Jedoch in allen Situationen, wo auch Hyperakusis vorhanden ist, ergibt sich eine erhöhte Erregung durch die Verstärkung der Geräusche in der zentralen Hörbahn. Durch die Fokussierung auf das Geräusch ist die Aufmerksamkeit voll in Anspruch genommen, wodurch sich Störungen der Konzentration bei anderen Tätigkeiten ergeben. Wiederholtes Auftreten von Geräuschen, die Belästigung, Zorn oder Furcht anzeigen, führt zum Aufbau unterbewußter Reflexauslöser mit automatischer, beständiger Stimulation des Limbischen- und autonomen Nervensystems. Genau die gleichen Reaktionen des Nervensystems erleben wir ganz natürlich, wenn wir automatisch unseren Fuß zurückziehen, den wir gerade auf die Fahrbahn setzen wollten, als eine Hupe ertönte, und dann feststellen, daß das Auto in der anderen Richtung verschwindet! Schützend vorbeugende Reflexe müssen mit einer emotional unangenehmen Botschaft verbunden sein, um sicherzustellen, daß eine Reaktion erfolgen wird. Sie stimulieren ebenfalls das autonome Nervensystem, um uns auf Flucht oder Kampf vorzubereiten, was gleichzeitig Erhöhungen der Herzfrequenz, Schweißabsonderung, Muskelanspannung und andere vom Adrenalin angeregte Körperreaktionen auslöst.
Die Behandlung von Hyperakusis
Mit Hörminderung
Wenn eine Hörminderung vorhanden ist und ein Bedarf für die Anpassung einer Hörhilfe, muß das derart geschehen, daß das Ohr nicht mit verstärkten Geräuschen überladen wird. Viele Hörgeräte besitzen eine Art Komprimierung, die verhindert, daß die im Hörgerät ankommenden lauten Geräusche übermäßig verstärkt werden. Automatische Lautstärkeregelung ist für die meisten Hörgeräte erhältlich, und die lineare Komprimierung der neueren Typen kann einigen Menschen mit Hörminderung bei Hyperakusis und / oder Recruitment helfen.
Beim Anpassen von Hörgeräten an empfindliche Ohren ist es am besten, den Gehörgang so frei wie möglich zu halten. Wenn lediglich ein relativ geringer hochfrequenter Hörverlust vorliegt, sollte eine 'offene' Otoplastik benutzt werden. Wenn mehr Verstärkung benötigt wird, sollte die Otoplastik belüftet sein, um unerwünscht hohe Pegel niedriger Frequenz entweichen zu lassen. Versuche mit unterschiedlichen Otoplastiken sind oftmals hilfreich.
Vermeiden der Stille
Viele Menschen suchen die Stille auf, um den Belastungen des täglichen Lebens zu entfliehen. Jedoch völlige Stille ist auch in der Natur nicht anzutreffen und sollte als 'unnatürlich' betrachtet werden. Überdenken Sie das Leben in einem Nest oder einer Tierbehausung!
In der relativen Stille von Häusern mit Doppelverglasung, die oftmals hermetisch zur Außenwelt abgeschlossen sind, führt die Abwesenheit von Geräuschstimulationen zu einer Erhöhung der zentralen Hörverstärkung. Die auditiven Filter 'öffnen' sich beim Versuch, die externe Geräuschumgebung abzuhorchen. Die externen Geräusche können dann dramatisch in ihrer relativen Intensität und Aufdringlichkeit zunehmen. Personen mit langer Vorgeschichte von gestörtem Schlaf (oftmals ein Symptom leichter Depressionen oder Ängste, die aus der Kindheit stammen) benutzen Ohrstöpsel, um die störenden externen Geräusche auszuschließen und leichter einschlafen zu können. Das jedoch erhöht den Effekt der internen Hörverstärkung. Einige Menschen mit Hyperakusis haben eine lebenslange Aversion gegen Gräuscheinwirkungen jeder Art. Das kann auf eine Tendenz hindeuten, leicht von externen Ereignissen bedroht zu sein.
Während sich Hyperakusis entwickelt, ist die Versuchung groß, sich die Ohren zuzustopfen, um die unwillkommenen Geräusche auszuschließen. Das aber macht die Sache nur noch schlimmer, da es die Steigerung der Geräuschverstärkung auf dem Weg zum wahrnehmenden Hörsystem fördert und, wenn die Geräusche ohne Ohrstöpsel gehört werden, ihre empfundene Lautheit stark erhöht ist. Die Lautheit der Geräusche hängt nicht von der Stärke des Signals ab, das das Ohr verläßt, sondern von der elektrischen Spannung oder dem Potential, das den Cortex des Hirns nach der auditiven Aufbereitung erreicht.
Der erste Schritt, den wir bei der Desensibilisierung einleiten, ist eine Beratung oder ein Retraining Ansatz, der darauf angelegt ist, das Bedürfnis zu beseitigen, die Ohren gegen normale Pegel von Umweltgeräuschen zu verstopfen oder auf andere Weise zu 'schützen'. Natürlich können übermäßig laute Geräusche den Ohren schaden, deshalb ist beim Schießen, in Discos, bei Industriemaschinen, etc., ein entsprechender Schutz nötig. Es ist verständlicherweise schwierig zu verstehen, daß Geräusche, die unangenehm oder sogar schmerzhaft für das Hören sind, für das Ohr völlig harmlos sein können.
Breitband Geräuschgeräte (BBG)
Letzte Untersuchungen haben ergeben, daß die Anwendung von Breitbandgeräuschen, dem Ohr durch ein Geräuschgerät mit weißem Rauschen zugeführt, in vielen Fällen helfen kann, das anormale Unbehagen bei lauten Geräuschen letztendlich aufzuheben. Das trifft besonders für die Personengruppe mit normalem Gehör oder fast normalem Gehör zu. Breitbandgeräusche müssen dem Ohr behutsam und schrittweise zugeführt werden, beginnend mit einem sehr niedrigen Pegel, und unter Aufsicht eines Audiologen mit Erfahrung in diesem Desensibilisierungsprozeß. Die Wirkung, die in einigen Fällen ziemlich dramatisch verläuft, ergibt sich durch ein 'Runterdrehen' der zentralen Hörverstärkung und eine verminderte Wahrnehmung der Lautheit von bisher stressigen Geräuschen. Über einen Zeitraum von Monaten, infolge von Veränderungen in diesem Netzwerk der Hörnerven, ergibt sich eine dauernde Veränderung des Lautheitsunbehagens, das mit audiometrischen Messungen der Unbehaglichkeitsgrenzen bewiesen werden kann. Patienten, bei denen eine schwerwiegende Zunahme der Symptome auftritt, die auch nach einer guten Nachtruhe noch andauern, müssen sehr behutsam, durch einen erfahrenen Therapeuten angeleitet, an die Geräuschtherapie herangeführt werden.
Retraining bei Hyperakusis
Wo gleichzeitig Phonophobie (Furcht vor Geräuschen) besteht, kann keine dauerhafte Veränderung des Lautheitsunbehagens ohne ein erfolgreiches Verhaltenstraining erreicht werden, das darauf abzielt, unangebrachte Meinungen, die für den phobischen Zustand verantwortlich sind, umzukehren.
Das gilt für alle Phobien: Raumangst, Spinnenangst, Höhenangst und dergleichen.
Wenn eine irrationale Furcht besteht, daß die normalen Umweltgeräusche Schaden verursachen könnten, ist es wichtig, das Hörsystem sowohl auf der bewußten als auch auf der unterbewußten Ebene 'umzuschulen' (retrain), damit es entsprechender reagiert. Dazu gehört eine Überprüfung und Diskussion von: Hintergründen, die zur Entwicklung der Überempfindlichkeit führten; Befürchtungen dieser Person, ob real empfunden oder eingebildet; Auswirkungen solcher Geräusche und der von ihnen hervorgerufenen starken Emotionen. In vielen Fällen begann die Furcht durch ungeeignete negative Beratung oder wurde durch sie noch verstärkt. Das kann durch Fachleute, die in überholtem konventionellen Wissen über die zentrale Hörverarbeitung verhaftet sind, oder durch dürftig geschriebene 'Patienten Ratgeber' geschehen. Viel von dem, was auf dem Internet herumgereicht wird, zum Beispiel über die Überempfindlichkeit des Hörens, beruht auf alten Weisheiten oder 'Altweibergeschichten'!
Der ganze Prozeß der Desensibilisierung kann ziemlich lange dauern, gewöhnlich sechs bis zwölf Monate, doch ist er in den meisten Fällen erfolgreich.
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Übersetzung: RFCDEES-97/1/13
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Den englischen Originaltext finden Sie auch unter:
http://www.ucl.ac.uk/~rmjg101/hyp1.htm
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Literaturhinweise
Hazell J.W.P., Sheldrake J., (1991) Hyperacusis and tinnitus. Proceedings of the Fourth International Tinnitus Seminar, Bordeaux, 1991, edited by Aran and Dauman, p 245-248
Jastreboff P.J., Hazell J.W.P., (1993) A neurophysiological approach to tinnitus: Clinical Implications. Brit.J.Audiol. 27:7-17
Sheldrake J.B., McKinney C.J., Hazell J.W.P., (1995) Practical aspects of retraining therapy. Proceedings of the Vth International Tinnitus Seminar, Portland Oregon USA, July 12-15. Ed G.Reich &J. Vernon, Publ. American Tinnitus Association, Portland OR 1996, p 537-538
Überempfindlichkeit des Hörens - Hazell - 30/11/1996
Aktualisiert: 12.08.97
r.dees@tinnitus-liga.de